RBB Abendschau Ich kam 1974, kurz vor meinem 10. Lebensjahr, in das
Don-Bosco-Heim in Berlin-Wannsee.
Ich war ein Kind, völlig naiv, verspielt und sehr schüchtern.
Da meine Eltern selbstständig waren und ihre Zeit dadurch sehr eingeschränkt war, wussten sie keine andere Lösung, als mich in dem
Don-Bosco-Heim unterzubringen. Ein weiterer Grund war wahrscheinlich auch, dass meine Eltern nicht wirklich mit mir zurechtkamen.

Die Gruppe, in die ich kam, war von der Altersstruktur sehr gemischt.
Ich war mit meinen 9 Jahren der Jüngste, das Erzieherteam kam frisch aus der Fachschule in die 5. Gruppe.
Die Methodik ihrer Pädagogik war nicht autoritär, sondern sie versuchten den Weg einer neuen Heimpädagogik.
Das Team war sehr emphatisch, offen, gerecht.
Nein, von meinen Gruppenerziehern und dem Gruppen-Pater ging keinerlei Gewalt aus.

An einem Tag sollte sich aber alles ändern. Ich rannte nach dem Frühstück aus dem Eßsaal und rempelte dabei Pater W. an.
Verschreckt und ängstlich blieb ich stehen.
Ich wusste, dass „rennen“ verboten war.
Der Pater sagte mir, das er mich schon seit Tagen beobachtete und mein heutiges Verhalten ein Gespräch verlange,
ich solle doch nach der Schule zu ihm kommen.

Ich vergaß es, jedoch passte er mich, nach dem Abendbrot, ab und ich ging mit ihm in sein Arbeitszimmer (in der 1. Gruppe), welches er abschloss.
Er meinte streng, das ich keine Regeln beachten würde.
Ich war starr vor Angst. Dann verlangte er, dass ich mich zur Strafe ausziehen muss. Als ich dem nicht gleich nachkam, wurde er lauter und zitternd reagierte ich dann.
Als ich nackt vor ihm stand streichelte er mich am ganzen Körper und legte mich dann bauchwärts auf einen Tisch. Ich sah nicht was er tat, spürte jedoch, wie er mit feuchten Fingern an meinem Po herumfummelte. Kurz darauf versuchte er in mich einzudringen, was ihm aber nicht gelang, daraufhin musste ich seinen Penis in den Mund nehmen, während er an mir weiter herum spielte. Er ließ erst ab, als ich seinen Samen geschluckt hatte.
Dann sagte er, dass ich das nicht publik machen dürfe, es mir sowieso keiner glauben würde und küsste mich.
Der Missbrauch des Paters an mir wiederholte sich mit veränderten Praktiken noch zweimal, bevor sein Interesse von mir wich, da er nicht in mich eindringen konnte.

Kurz danach nahm sich ein älterer Mitbewohner meiner an.
Meine tiefst traumatisierte Seele durfte nicht zur Ruhe kommen.
Er sprach von Liebe, von der ich nichts verstand, und er benutzte mich als sein Spielzeug. Er drohte mir, wenn ich etwas von dem, was er mit mir machte, erzählen würde, bringe er erst mich um und dann sich.
Völlig verängstigt versprach ich ihm, dass ich nichts erzählen werde.
Ich versuchte auf anderen Wegen den Erziehern meine Qualen und Ängste sichtbar zu machen. Ich saß oft, nach dem Missbrauch, weinend irgendwo rum, duschte ewig lange oder schmiss mit Sachen um mich - oder ich „rastete aus“.
Doch wurde der Grund für mein Verhalten von den Erzieher/innen immer anders interpretiert. Sie fragten mich dann, was mit mir los sei etc. aber die richtigen Fragen, die mich zu einer Antwort hätten verleiten können, wurden nie gestellt.
Mein Peiniger manipulierte mich, „vermietete“ mich für Zigaretten, verbot mir Beziehungen zu Mädchen. Auf einer Reise spannte er mir die Urlaubsbekanntschaft aus und gab mir abends zu verstehen, dass ich nur ihm gehöre. Als ich das hörte, kamen mir zum ersten Mal die Gedanken an einen Selbstmord. Ich wäre den Weg auch an diesen Abend gegangen, doch zum Glück hielt mich jemand auf. (siehe
Krimml 1977)

Die vier Jahre meines Do-Bo Aufenthaltes zerstörten mein Urvertrauen und beeinträchtigten mein ganzes Leben - bis zum heutigen Tag.
Dass niemanden aus meiner Gruppe der Missbrauch aufgefallen ist,
kann ich bis heute nicht glauben.

Durch Gleichaltrige aus den anderen Gruppen, mit denen ich oft auf dem Spielplatz herumhing, hörte ich, wie sexualisiert sich das Heimleben gestaltete. Es gab Missbrauch durch Geistliche und Personal. Doch aus Angst, Scham, Abhängigkeiten traute sich keiner der Jungs dies öffentlich zu machen.
Ich weiß aus meiner Zeit (1974-1978), dass da viel aufzudecken wäre, dazu zählt auch der Missbrauch der jüngeren Kinder durch die älteren Jugendlichen.

Welchen Effekt hatte der Missbrauch bei mir?
Ich zitiere hier aus einem Bericht eines Psychiaters:

Ursprünglich trat der Patient bei mir wegen schweren anhaltenden Depressionen in Behandlung, aber im Laufe der Untersuchung wurden die oben angeführten weiteren zu Grunde liegenden psychischen Störungen festgestellt.
Wegen der in der Kindheit zu Tage tretenden Behinderungen durch eine tiefgreifende Entwicklungsstörung im Sinne einer leichten autistischen Störung (Asperger-Syndrom) und der damit verbundenen ADS hatte er schwere soziale Anpassungsstörungen und wurde von seinen Eltern in ein konfessionelles Kinderheim untergebracht, wo er zum Teil vernachlässigt und langjährig sexuell missbraucht wurde.
Aufgrund dieser Tatsachen leidet er heute noch unter schweren posttraumatischen Belastungsstörungen (intrusive Erinnerungen, ständige vegetative Erregung, Panikattacken, Vermeidungsverhalten).
Wegen der erst späten und unzureichenden Behandlung sind diese Symptome nicht besser geworden, sondern haben sich im Laufe der vergangenen Jahre noch verschlimmert und müssen als therapieresistent betrachtet werden.
Als Folge davon leidet der Patient schon seit frühester Jugendzeit an mittelgradigen bis sehr schweren Depressionen mit tiefer Traurigkeit, Freudlosigkeit, Appetitlosigkeit, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und er hat häufig auftretende suizidale Gedanken.